Zweieinhalb Jahre hat Familie Ait El Mehdi aus Bad Bentheim diesem Moment entgegengefiebert. Jetzt ist es so weit: Heute treffen sie den Menschen, der ihrem Kind das Leben gerettet hat. Sie können ihm persönlich danke sagen, ihn in die Arme schließen. Der Lebensretter heißt Sven, ist 40 Jahre alt und kommt aus Berlin. Durch seine Stammzellspende im Januar 2024 ist er für den siebenjährigen Shahil und seine Familie zum Superhelden geworden.
Als er mit dem ICE 148 aus Berlin in Bad Bentheim einfährt, begrüßen ihn Shahil und seine Zwillingsschwester Fatima gemeinsam mit Mutter Nesrin (41) und Vater Younes (40) herzlich. “Es ist unbeschreiblich, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Als wir auf Sven zugelaufen sind, war da keine Unsicherheit. Obwohl wir uns noch nie begegnet waren, fühlte es sich nicht nach einem fremden Menschen an. Es war vielmehr dieses Gefühl von Vertrautheit, von Nähe – Familie”, sagt Nesrin.
DKMS-Aktion organisiert
Rückblick: Im August 2024 wurde bei dem damals vierjährigen Shahil Leukämie festgestellt. Schon bald stand fest, dass die Chemotherapie alleine nicht reichen und der Junge eine Stammzellspende benötigen würde. Gemeinsam mit Freunden und dem SV Bad Bentheim organisierte die Familie unter dem Motto “Superheld:in für Shahil gesucht” eine Registrierungsaktion mit der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS), über die man sich vor Ort und online in die Datei aufnehmen lassen konnte.
Darüber hinaus engagierten sich viele Menschen in der Region, veranstalteten weitere Aktionen und riefen zur Registrierung auf. Glücklicherweise wurde über den Fremdspendersuchlauf Sven als passendes Match für Shahil gefunden. Innerhalb seiner Familie passte leider niemand.
Seit zwölf Jahren registriert
Der Biologe Sven, der als Projektmanager in der klinischen Forschung arbeitet, ließ sich bereits 2014, lange vor Shahils Geburt, bei einer DKMS-Aktion an seiner Uni in Rostock registrieren. Als er neun Jahre später für die Spende angefragt wurde, war das zunächst ein surrealer Schockmoment für Sven, da er nicht mehr damit gerechnet hatte, von der DKMS zu hören. Es stand für ihn jedoch sofort fest, zu helfen, wenn seine Gewebemerkmale passen würden.
Als schließlich kurz vor Weihnachten 2023 klar war, dass er passte und im Januar 2024 spenden sollte, versuchte er sich weitestgehend vor Viren und Bakterien zu schützen. Er isolierte sich, verzichtete darauf, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, um nicht krank zu werden und möglicherweise die Spende in Gefahr zu bringen. “Ich habe mich einfach verantwortlich gefühlt und wollte bloß nicht patzen”, erinnert sich Sven. Die Stammzellenspende erfolgte schließlich ambulant in Dresden.
In dem Moment, als er nach seiner Spende erfuhr, dass er für ein kleines Kind gespendet hatte, bewegte ihn das sehr. Er empfand große Erleichterung, als er ein Jahr später in einem anonymen Brief von Shahils Familie las, dass seine Zellen gut angewachsen waren. “Ich hatte Tränen in den Augen und war sehr froh, Gewissheit zu haben, dass es der Familie und dem Kind besser geht.”
Liebe und Dankbarkeit
Im Frühjahr 2026, nach Ablauf der zweijährigen Anonymitätsfrist, fragte Familie Ait El Mehdi über die DKMS nach einem persönlichen Kontakt. Sven willigte sofort ein und schon bald entwickelte sich über Social Media ein reger Nachrichtenaustausch mit Shahils Mutter Nesrin. “In den ersten Zeilen von Nesrin habe ich bereits eine große Dankbarkeit und Liebe gespürt.”
Nesrin hatte Shahils Geschichte bereits von Beginn an über Social Media geteilt. Ihr und ihrer Familie ist es weiterhin ein großes Anliegen, auf die DKMS und die Stammzellspende aufmerksam zu machen, anderen Betroffenen Mut zu machen und auch etwas zurückzugeben. Sie erreicht mit ihren Accounts tausende Menschen.
