Depressionen sind längst kein Tabu-Thema mehr und machen vielen deutschen Familien zu schaffen. Laut Prof. Dr. phil. Elisabeth Schramm, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg, haben 45 Prozent der Bundesbürger mit der Erkrankung zu kämpfen.
“24 Prozent sind direkt als Patient, 26 Prozent indirekt als Angehöriger, betroffen und fünf Prozent sind sowohl selbst erkrankt als auch Angehörige eines depressiv Kranken”.
Belastet, übersehen, alleine gelassen…
So beschreibt Prof. Schramm die Situation der Angehörigen und Bezugspersonen. “Die psychosoziale Belastung ist enorm”. Diese zeigt sich, wie viele Studien inzwischen belegt haben, in Schuldgefühlen, Angst, Ärger, Beeinträchtigungen der sozialen und beruflichen Aktivitäten sowie starker Herabsetzung der Lebensqualität [1, 2, 3]. “Bei der Hälfte der Betroffenen bestehen auch Konflikte in der Paarbeziehung, die bei 45 Prozent zu einer Trennung führen [4]”.
Problematisch ist zudem die erhöhte eigene Depressivität im direkten Umfeld. Sie führt zu einem doppelt so hohen Risiko, selbst zu erkranken, als bei anderen Menschen [5]. “Eine Depression kann mithin tatsächlich “ansteckend” sein”, so Prof. Schramm.
Die hohe Belastung der Nächsten erhöht wiederum das Rückfallrisiko bei den Erkrankten und steigert die Gefahr eines chronischen Verlaufs [6]. Angesichts all dessen ist es laut der Freiburger Expertin “unerlässlich, die Aufmerksamkeit auch auf das direkte Umfeld zu richten”.
Einbindung des Umfelds: Klar empfohlen, da hochwirksam
“Die Einbindung von Angehörigen ist ein wichtiges Therapieprinzip bei der Behandlung depressiver Störungen, da sie wichtige unterstützende Funktionen übernehmen können”. So steht es in der Leitlinienempfehlung der Bundesärztekammer von 2022 zu lesen [7].
Auch die Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) weist unter § 9 darauf hin [8], “dass es im Rahmen einer Psychotherapie “notwendig werden kann, zur Erreichung eines ausreichenden Behandlungserfolges für die Behandlung der psychischen Störung relevante Bezugspersonen aus dem sozialen Umfeld der Patientin oder des Patienten in die Behandlung einzubeziehen”.
Wie effizient das ist und wie positiv sich dies sowie gezielte Psychoedukation auf die Angehörigen auswirkt, ist hinreichend belegt. So reduzieren sich deren Angst und Depression [9] sowie die psychosoziale Belastung [10]. Darüber hinaus sehr positiv, gehen die Rückfallraten der Betroffenen zurück [11]. Viele gute Argumente dafür, die Angehörigen depressiver Menschen bei Therapie und Betreuung mit ins Boot zu holen.
Düstere Aussichten in der Versorgungspraxis
Die Realität im stationären und ambulanten Setting ist indessen ernüchternd. Nach den Worten von Prof. Schramm ist jeder dritte Angehörige von depressiven Menschen schlecht oder gar nicht informiert.
“Nur 16 Prozent werden von den behandelnden Ärzten informiert und einbezogen”. Einzig eine von vier Kliniken bietet Angehörigen-Gruppen an [12] und weniger als ein Prozent der ambulanten Therapien bezieht das Umfeld mit ein. Dazu addieren sich Befürchtungen von Stigmatisierung bei Betroffenen, Angehörigen und leider auch Behandelnden.
Online-basierter Familiencoach Depression
Was tun? Für diese Frage haben Prof. Schramm und ihr Team ein Angebot gefunden: den online-basierten Familiencoach Depression. Entwickelt wurde dieser unter Beteiligung eines Expertenbeirats und Fokusgruppen aus Angehörigen sowie Betroffenen; gefördert vom AOK-Bundesverband.
Die Ziele des kostenlosen Angebots sind bessere Interaktion mit den Erkrankten, positive Beeinflussung ihres Krankheitsverlaufs und Vermeidung betreuungsbedingter Überlastung der Angehörigen.
Um dies zu erreichen, gibt es vier Trainingsbereiche “Depression und Alltag”, “Selbstfürsorge”, Beziehung stärken” und “Was muss ich wissen”. “Alle Trainings sind evidenzbasiert, interaktiv und unabhängig voneinander nutzbar”, so Prof. Schramm. Um die Effektivität des Coachings zu untersuchen, führte Prof. Schramm und ihr Team die Evaluationsstudie “Gemeinsam durch die Depression” an 1.640 erwachsenen Angehörigen mit automatisierten und individualisierten Mail-Support durch [13].
“Wir konnten feststellen, dass solche internetbasierten Interventionen die psychosoziale Belastung bereits nach vier Wochen erheblich verringern und das Interaktionsverhalten positiv verändern”. In der individuellen Supportbedingung, so Prof. Schramm weiter, “wurde das Onlineprogramm intensiver genutzt und die Teilnehmer waren zufriedener”.
Quelle: Vortrag “Mit der Erkrankung des anderen leben. Die Rolle der Angehörigen in der Depressionsbehandlung” im Rahmen der Vorlesungsreihe “Depression im Dialog”.
Literatur:
- Yu et al. Psychiatry Research 2020
- Balkaran et al. BMC Psychiatry 2021
- Katsuki et al. BJ Psych open 2022
- Wittmund et al. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology 2002
- Hölzel et al, Journal of Affective Disorders 2011
- Katsuki et al. BJ Psych open 2022.
- Bundesärztekammer et al. 2022, 60.
- Gemeinsamer Bundesausschuss 2024; 58: 1 – 34.
- Katsuki et al. 2011
- Tursi et al. 2013
- Shimazu et al. 2011
- Frank et al. 2014
- Schramm et al. BMC Psychiatry 2022
