Wer an Macht in der Hausarztpraxis denkt, hat schnell klare Hierarchien vor Augen: Praxisinhaberinnen und Praxisinhaber treffen Entscheidungen und verfügen als Ärztinnen und Ärzte über das medizinische Fachwissen, Medizinische Fachangestellte erfüllen die ihnen zugeteilten Aufgaben bzw. arbeiten unter Anweisung der Ärztinnen und Ärzte.
So einfach das klingt, ist die Realität innerhalb von Praxisteams doch sehr vielschichtig. Erfahrung, Wissen, Auftreten, soziale Beziehungen oder auch persönliche Merkmale beeinflussen, wer gehört wird und wer sich durchsetzen kann. [habox:ad] Mit ihrem Workshop “Macht und Awareness in der hausärztlichen Praxis” lud Referentin Lisa Gerbermann, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Redakteurin bei “Was hab‘ ich?” gemeinnützige GmbH, die Teilnehmenden dazu ein, vertraute Rollenbilder zu hinterfragen und unterschiedliche Perspektiven einzunehmen.
Macht hat viele Gesichter
Ziel war es, Machtungleichgewichte in der Praxis sichtbar zu machen und Wege für ein respektvolles Miteinander im Praxisteam aufzuzeigen. [habox:ad] Dabei zitierte Gerbermann zunächst eine Definition von Macht des Soziologen Max Weber. Laut ihm bedeutet Macht “jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen”.
Ergänzend verwies sie auf den Soziologen Pierre Bourdieu, für den Macht auch aus Wissen, Beziehungen, Status und anderen Ressourcen entsteht, die in einem sozialen Umfeld als wertvoll gelten.
Alltägliche Konflikte
Wie unterschiedlich Personen im Team und deren Position wahrgenommen wird, zeigte sich anschließend in einer Gruppenarbeit. Ausgangspunkt war eine typische Alltagssituation in einer Hausarztpraxis: Montagmorgen, das Wartezimmer ist voll, eine langjährige Patientin erscheint ohne Termin mit Bauchschmerzen an der Anmeldung. [habox:1] Weiterhin lautete die Vorgabe: Die erfahrene MFA will die Patientin, die sie seit 15 Jahren kennt, dazwischenschieben. Der Arzt in Weiterbildung hat die Sprechstunde übertragen bekommen und möchte sich auch an die Terminabfolge halten.
Die erst seit kurzem in der Praxis tätige VERAH, die im Labor eingeteilt ist, schlägt vor, sich rasch um die Patientin zu kümmern. Die Praxisinhaberin telefoniert im Sprechzimmer mit dem Angehörigen eines Patienten.
Individuelle Sicht auf Rollen
Die Teilnehmenden sollten die beteiligten Personen räumlich aufstellen und ihre Beziehungen zueinander sichtbar machen. Schnell entwickelte sich eine lebhafte Diskussion unter den Workshopteilnehmern – immer wieder wurden die Figuren neu angeordnet, Abstände verändert und Beziehungen anders bewertet. [habox:2] Die Diskussionen und unterschiedlichen Interpretationen der Situation machte deutlich: Obwohl Zuständigkeiten und Hierarchien formal festgelegt sind, werden Machtverhältnisse individuell unterschiedlich wahrgenommen.
Fachwissen, Berufserfahrung, Verantwortlichkeiten, persönliche Autorität oder auch Unsicherheiten wirken gleichzeitig und können je nach Situation unterschiedlich stark ins Gewicht fallen.
Sicherheit kurbelt Kreativität an
Besondere Bedeutung kommt der sogenannten psychologischen Sicherheit zu, erklärte Gerbermann. Sie verwies hierzu auf die Erkenntnisse von Prof. Amy Edmondson: Teams funktionieren laut Edmondson dann besonders gut, wenn sich Menschen über alle Hierarchieebenen hinweg trauen, ihre Meinung zu äußern, Bedenken anzusprechen und auf mögliche Fehler hinzuweisen – ohne Angst vor Bestrafung oder Beschämung. Solche Teams seien leistungsfähiger, kreativer und lernfähiger. [habox:ad] Welche Handlungsmöglichkeiten Ärztinnen und Ärzte haben, damit psychologische Sicherheit im Team erreicht werden kann, lesen Sie im Kasten “Verantwortungsvoll mit Macht umgehen”.
